Klettersteige und Alpenhütten: Hütten als Stützpunkte für Via Ferrata
Klettersteige (Via Ferrata) und Alpenhütten gehören untrennbar zusammen. Die eisengesicherten Steige des Ersten Weltkriegs — besonders in den Dolomiten — wurden entlang von Hütten angelegt, und die moderne Via-Ferrata-Kultur nutzt Hütten als Ausgangspunkte, Mittagshalt und Übernachtungslager. Wer eine mehrtägige Klettersteig-Tour plant, plant gleichzeitig eine Hüttenroute. Die Karte hilft, beides aufeinander abzustimmen.
Das Klettersteig-Set: Falldämpfer, Gurt, Helm
Klettersteige verlangen spezifische Ausrüstung, die sich von normaler Wanderausrüstung grundlegend unterscheidet. Das Herzstück ist das Klettersteig-Set: zwei Bandschlingen (Y-förmig) mit einem Energie-Falldämpfer, der bei einem Sturz durch progressives Aufreißen die Aufprallenergie absorbiert und die auf den Körper wirkende Kraft unter 6 kN hält. Ohne Falldämpfer ist die Belastung bei einem Sturz an einem Vertikalabschnitt lebensgefährlich.
Hinzu kommen: Klettergurt (Sitzgurt), Kletterhelm (kein Fahrradhelm), feste Bergschuhe mit griffiger Vibram-Sohle. Handschuhe sind optional, schützen aber die Hände beim Greifen metallischer, oft rostiger Stahlstifte.
Das Klettersteig-Set muss zur Körpermasse passen: Die meisten Sets sind für 40 bis 120 kg ausgelegt; Kinder brauchen eigene Kindersets. Kontrolliert vor jeder Tour die Leine auf Risse und das Falldämpferpaket auf Vorfeuchtigkeit — ein durchnässter Falldämpfer verliert seine Schutzwirkung.
Schwierigkeitssysteme: Schall und Hüsler
Klettersteige werden in Mitteleuropa nach zwei gebräuchlichen Systemen bewertet. Das Schall-System (A bis E, wobei A leicht und E extrem schwierig) ist in Österreich und Deutschland verbreitet. Das Hüsler-System (1 bis 6, ebenfalls aufsteigend) wird in der Schweiz und in Teilen Italiens verwendet.
Die Umrechnung ist näherungsweise: A/B = 1-2, C = 3, D = 4, E = 5-6. Ein "Klettersteig Schwierigkeit C" im Schall-System ist damit ein mittelschwerer Klettersteig, der Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und gute Kondition verlangt, aber keine Klettererfahrung.
Für den Einstieg in Klettersteige empfehlen sich Routen der Schwierigkeit A bis B: Klettersteig Ziel Coburger Hütte (Ehrwald), Klettersteig Innsbruck-Klettersteig, oder die klassischen leichten Via Ferrate im Garda-Gebiet.
Wichtige Klettersteig-Hütten
Das Rifugio Lagazuoi (2752 m, Dolomiten) ist der bekannteste Klettersteig-Stützpunkt der Alpen. Direkt zugänglich per Seilbahn, bietet es Zugang zu mehreren Via Ferrate: dem Kaiserjägerweg (schwierig, historisch), der Via Ferrata Tomaselli und dem Weg durch die historischen Kriegsstollen im Fels. Übernachtung im Rifugio, früher Start am nächsten Morgen.
Das Rifugio Pisciadù (2585 m, Sella-Gruppe, Dolomiten) ist Ausgangspunkt für den Klettersteig Pisciadù — einer der klassischen Dolomitensteige der Schwierigkeit C. Zustieg von Colfosco im Grödnertal. Betten: ca. 60.
Das Rifugio Tuckett (2272 m, Brenta-Dolomiten) ist Stützpunkt für das einzigartige Bocchette-Klettersteig-Netz in der Brenta-Gruppe. Die Via delle Bocchette Alte (Schwierigkeit C-D) führt über mehrere Tage durch die Brenta-Flanken; das Rifugio Alimonta (2580 m) ist weitere Übernachtungsoption.
Das Tofana-di-Rozes-Gebiet (Dolomiten) mit dem Rifugio Dibona (2083 m) bietet Zugang zur Via Ferrata Lipella und zum Tofana-Normalweg — Schwierigkeiten B bis D, hervorragende Aussichten über Cortina.
Das Rifugio Marmolada (2050 m) in der Marmolada-Gruppe dient als Basis für den Marmolada-Gletscherzustieg und Klettersteige auf der Südwand des Via Ferrata Marmolada (Schwierigkeit B/C).
Früher Aufbruch und Gewitterregel
Klettersteige sind das Gebiet, in dem die Gewitterregel der Alpen am striktesten gilt: Vor 14 Uhr in der Hütte oder am Endpunkt sein. Nachmittagsgewitter bauen sich in den Dolomiten im Juli und August typischerweise zwischen 12 und 15 Uhr auf. Wer um 09:00 Uhr auf einem langen Klettersteig beginnt und um 13:00 Uhr noch auf einem exponierter Grat hängt, ist in gefährlicher Situation.
Frühstück auf der Hütte um 06:00 Uhr, Abmarsch um 06:30 Uhr, Rückkehr vor 13:00 Uhr: Das ist die Standardplanung für einen Klettersteig-Tag. MeteoSwiss, Wetter Online Berge und die Webseiten der lokalen Bergrettungen bieten Gewitter-Wahrscheinlichkeitskarten für stündliche Vorhersagen.
Bei aufziehendem Gewitter auf einem Klettersteig: sofort in eine natürliche Mulde gehen, Metallausrüstung ablegen (sofern möglich), Klettersteig-Set bleibt am Körper. Nicht auf Gipfeln, Graten oder frei stehenden Felsnadeln verweilen.