Refuge du Goûter: Überfüllung, Kontroverse und der Mont-Blanc-Gipfeltag
Der Mont Blanc ist mit 4808 Metern der höchste Berg Westeuropas. Er ist auch der meistbestiegene Berg in seiner Höhenkategorie: Schätzungen zufolge versuchen jedes Jahr 20.000 bis 30.000 Menschen die Besteigung über den Normalweg, den Voie Royale über das Refuge du Goûter. Das Refuge du Goûter ist das Zentrum dieser Aktivität — und das Epizentrum der Debatten darüber, was einem Massenberg zuzumuten ist.
Die Hütte
Das aktuelle Refuge du Goûter wurde 2013 eröffnet, als Ersatz für die alte Hütte, die seit den 1990er Jahren als zu klein, zu alt und zu gefährlich für die Besucherzahlen galt. Das neue Gebäude — entworfen vom Architekturbüro Aline Asmar d'Amman und dem Ingenieurbüro Charpente Concept — ist ein ovales, futuristisches Gebäude auf 3835 Metern, verkleidet mit Aluminiumschuppen, auf einem Felsrücken zwischen dem Tête Rousse-Gletscher und dem Grand Plateau.
Das neue Gebäude bietet 120 Plätze gegenüber den ursprünglichen 45 der Vorgängerhütte. Es ist mit Photovoltaik, Windturbinen und Composting-Toiletten ausgestattet und gilt als technisch fortschrittlichste Berghütte Frankreichs. Es wird von der FFCAM betrieben.
Der Zustieg
Der Normalweg zum Refuge du Goûter beginnt in Saint-Gervais-les-Bains (580 m) oder Bellevue (1794 m) und führt per Montenvers-Tramway oder zu Fuß über die Nid d'Aigle-Station (2372 m), dann über das Grand Couloir — eine berüchtigte Steinschlagrinne auf ca. 3000 Metern — hinauf zur Hütte.
Das Grand Couloir ist der gefährlichste Punkt des Zustiegs: Eine breite Schuttrinne, die von den Felsen der Aiguille du Goûter beregnet wird. Steinschläge sind häufig; der gesicherte Klettersteig über die Rinne wird bei guten Bedingungen morgens oder abends frequentiert, wenn die Steinschlaggefahr geringer ist. Mehrere Alpinisten sterben hier jedes Jahr.
Überfüllung und Warteschlangen
Auf dem normalen Gipfeltag zwischen Juli und August starten vom Refuge du Goûter 100 bis 150 Alpinisten gleichzeitig auf den Gipfel. Das bedeutet: Menschenschlangen auf dem Grat, Staus am Vallot-Notunterstand (4362 m), überfüllte Gipfelplattform. Alpinisten berichten von Gipfelzeiten, die statt vier Stunden acht Stunden dauern, weil die Gruppe vor ihnen langsam ist.
Diese Überfüllung ist nicht nur ästhetisch problematisch — sie ist sicherheitsrelevant. Lange Standzeiten auf dem Grat bei Wetterwechsel erhöhen das Risiko; erschöpfte Alpinisten, die bei aufziehendem Gewitter abstürzen, sind das Ergebnis. Die Behörden von Haute-Savoie haben mehrfach diskutiert, die Zahl der täglichen Besteigungen zu begrenzen, ohne bisher verbindliche Regelungen zu erlassen.
Das Buchungssystem
Reservierungen für das Refuge du Goûter sind zwingend und gehen Monate im Voraus weg. Das Buchungssystem der FFCAM öffnet für die Hochsaison im April; innerhalb von Stunden sind Plätze vergriffen. Alternativ gibt es das Refuge de Tête Rousse (3167 m) unterhalb des Goûter, das weniger begehrt und oft kurzfristiger buchbar ist.
Alternative Routen
Wer den Trubel des Normalwegs vermeiden will, hat Alternativen:
Route des Grands Mulets: Die klassische Route vor Einführung des Goûter-Wegs; führt über die Grands-Mulets-Hütte (3051 m) auf der Chamonix-Seite. Technisch vergleichbar, aber weniger überlaufen.
Voie Royale (Gletscherweg): Direktzustieg über den Glacier des Bossons; nur mit Bergführer und in sehr gutem Zustand der Gletscher empfehlenswert.
Flanken-Variante über Refuge des Cosmiques (3613 m) und die Brenva-Seite: für erfahrene Alpinisten, deutlich technischer.
Auf der Karte erkunden
Das Refuge du Goûter, Refuge des Cosmiques und alle weiteren Mont-Blanc-Hütten sind auf der interaktiven Karte eingetragen. Karte öffnen