Lawinenkunde für die Sommersaison: Nassschneelawinen und Restgefahren
Lawinen gelten im Volksglauben als Winterphänomen. Wer im Juli auf einer Hüttentour unterwegs ist, denkt selten an Lawinengefahr. Das ist ein Fehler. Nassschneelawinen im Frühling und Frühsommer, Restschneefelder auf nordseitigen Hängen und die spezifischen Risiken auf Gletschern töten auch in der Hochsaison Alpinisten. Dieses Wissen gehört ins Gepäck jeder Hüttentour ab etwa 2500 Metern.
Der Schmelz-Gefrier-Zyklus
Im späten Frühjahr und Frühsommer durchlaufen Schneefelder täglich einen Schmelz-Gefrier-Zyklus. Nachts bei Temperaturen unter null Grad friert die Schneeoberfläche zu einer tragfähigen Harschkruste. Am frühen Morgen ist der Schnee fest; ein Bergsteiger trägt auf diesem Untergrund gut. Ab Mitte des Morgens, je nach Hangausrichtung und Sonneneinstrahlung ab 9 bis 10 Uhr, beginnt das Schmelzen. Die Oberfläche wird weich, die Schneekristalle verlieren ihre Kohäsion — und auf Hangneigungen über 30 Grad beginnt der Schnee als Nassschneelawine zu gleiten.
Nassschneelawinen sind langsamer als Triebschneelawinen, aber ihre hohe Dichte macht sie mechanisch extrem gefährlich. Ein Mensch, der von einer mittelgroßen Nassschneelawine erfasst wird, hat ohne Bergung nahezu keine Überlebenschance, weil der Schnee wie Beton aushärtet. Die Überlebensrate ohne schnelle Kameradenrettung liegt unter 30 Prozent.
Wann ist das Risiko am höchsten
Der gefährlichste Zeitraum für Nassschneelawinen ist die Periode von März bis Juni, abhängig von Meereshöhe und Breitengrad. In den Alpen beginnt die kritische Phase in tieferen Lagen (unter 2000 Meter) im März; auf 3000 bis 3500 Metern erstreckt sie sich bis in den Juni hinein. In Hochlagen über 4000 Metern — etwa im Bereich der Monte-Rosa-Hütte oder der Konkordiahütte — können Nassschneelagen auch im Juli auf besonnten Hängen entstehen.
Zu den klassischen Auslösern gehören: — Mehrere warme Nächte in Folge, die den Schmelz-Gefrier-Zyklus schwächen — Regen auf Schnee, der innerhalb von Stunden zur Destabilisierung führt — Große Temperatursprünge am Morgen nach kalten Nächten — Sonneneinstrahlung auf besonders steile Süd- und Osthänge ab Frühsommer
Restschneefelder auf Wanderrouten
Auf nordseitigen Hängen liegt Schnee in Jahren mit guter Akkumulation noch bis in den August. Viele Hüttenrouten queren solche Felder — manchmal als kurze Fußquerung, manchmal über 200 bis 300 Meter steilen Altschnee. Ohne Steigeisen und Pickel ist das Betreten dieser Felder nach dem Abfrieren des Morgenharschs riskant: Ein Ausrutschen führt auf einem harten Schneefeld zu einem Sturz, den man ohne technische Ausrüstung nicht stoppen kann.
Die Empfehlung: Frühzeitiger Aufbruch von der Hütte — typischerweise 5 bis 7 Uhr — um Schneefelder in der Harschphase zu queren. Wer um 10 oder 11 Uhr auf ein 45-Grad-Schneefeld trifft, das weich und sulzig ist, sollte umkehren oder einen Alternativweg suchen. Leichte Steigeisen (Yaktrax oder 10-Zacker) und ein kurzer Wanderstock als Stütze gehören auf jede Hochalpenroute, die noch Restschnee erwarten lässt.
Gletscherrisiken: Nassschnee auf Blankeis
Auf Gletschern entsteht eine spezifische Situation: Nassschneeauflagen über Blankeis. Wenn Schnee auf einem Gletscher tagsüber aufweicht und dabei auf dem darunter liegenden Eis zu gleiten beginnt, entstehen flächige Gleitschneelawinen. Diese sind schwer voraussagbar, weil die Grenzfläche Eis/Schnee keine strukturellen Anzeichen zeigt.
Konsequenz für Gletschertouren im Frühsommer: Möglichst früher Aufbruch, Meidung von Steilpassagen nach 10 Uhr (Sonnenhang) bzw. 12 bis 13 Uhr (Schattenhang), konsequente Seilsicherung in Gelände mit Lawinenpotenzial. Hütten wie die Cabane des Vignettes oberhalb des Otemma-Gletschers liegen in Räumen, die bei instabiler Schneedecke von Gleitschneeprozessen betroffen sein können.
Lawinenbulletins auch im Sommer nutzen
Der Lawinenwarndienst der Alpenstaaten — LWD Tirol, SLF Schweiz, Avalanche.org USA, Météo-France für die französischen Alpen — gibt in der Frühjahrs- und Frühsommersaison tägliche Bulletins heraus. Die Lawinengefahrenstufe 1 (gering) des Europäischen Gefahrenstufensystems entspricht im Sommerbulletin oft einer Nassschneegefahr am Nachmittag, auch wenn die Gesamteinstufung niedrig erscheint. Der Teufel liegt im Detail der Nachmittagsangaben.
Für Expeditionen außerhalb der Alpen — Karakorum, Nepal-Himalaya, Argentinien-Patagonien — gibt es keine zentralen Bulletins. Dort ist die persönliche Einschätzung vor Ort entscheidend: Beobachtung von Setzungsgeräuschen, Brüchen in der Schneefläche (Wumpfgeräusche), sichtbaren alten Lawinenrissen und der aktuellen Schneefeuchtigkeit.
Erste Hilfe nach Lawinenverschüttung
Wenn ein Mitglied der Gruppe verschüttet wird, gelten diese Prioritäten: Sofortsuche mit LVS-Gerät (Sende-/Empfangsgerät), falls vorhanden; manuelle Schnellsuche der sichtbaren Ablagerungszone bei fehlendem LVS; Ausgrabung mit Schaufel, nicht mit Händen (Schaufel spart kritische Zeit). Die Überlebenswahrscheinlichkeit sinkt nach 15 Minuten Verschüttungszeit rapide ab; nach 35 Minuten liegt die Überlebensrate unter 50 Prozent.
Auf Hüttentouren ohne Gletscheranteil tragen wenige Sommerwanderer LVS-Geräte mit sich. Das ist verständlich, aber das Bewusstsein für Nassschneegefahr und der konsequente Frühaufbruch sind wichtiger als das Gerät.
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